Archiv für April 2008

Tibet-Fahnen werden knapp

Deutschland in Not: Tibet-Fahnen werden knapp

Tibet-Fahnen werden knapp in Deutschland , vermeldet der Einzelhandel. In den letzten Wochen wurde die Lager leergekauft, es wird für deutsche Volksgenossen immer schwerer ihre uneingeschränkte Solidarität mit dem bewundernswerten stolzen Bergvolk und ihrem Führer auszudrücken. Nicht nur verhetzte und/oder geistig beeinträchtigte Individuen, auch deutsche Kommunen drücken ihre Verbundenheit mit dem Gottkönig mit wehenden Fahnen aus. Auf den Rathäusern hunderter deutscher Städte weht inzwischen die tibetische Flagge einträchtig neben der deutschen. Die Begeisterung für den Kampf zur Restauration der Mönchsherrschaft übertrifft sogar noch die Solidarität mit der UCK und anderen völkischen Banden während der Zerschlagung Jugoslawiens. Von links bis rechts dröhnt es „Nieder mit China!“. Endlich ist Deutschland geeint!

Kritik

Nun, ein paar ewiggestrige Vaterlandsverräter, die sich der anti-chinesischen Hetze für den fremdenfreien tibetischen Gottesstaat verweigern, gibt es natürlich immer noch. Auch in der Blogosphäre gibt es kritische Stimmen: Das Bad Blog beschäftigt sich mit dem imaginierten „Holocaust an Tibetern“, Chefarztfrau berichtet (nicht nur) vom TV-Phänomen Tibet und der Realität hinter dem Mythos „Dalai Lama“. Dem nahm sich Lizas Welt schon 2007 an.

Hintergründe zur Tibet-Thematik und dem „Dalai Lama“ findet man in Buchform in Colin Goldners „Fall eines Gottkönigs“ und in „Der Schatten des Dalai Lama.“ Von Victor und Victoria Trimondi. Als online-Einstieg in den aktuellen Konflikt eignet sich Goldners zweiteiliger Artikel aus der jungen Welt, und das Interview von german foreign policy mit Dr. Ingo Nentwig. Ebenfalls extrem lesenswert ist der GSP-Artikel „Unruhen in Tibet – Peking am Pranger“.

Mehr zum Verhältnis Deutschland – Tibet – China folgt bald. Die letzte tibet-kritische Presseschau findet sich hier – über die Reaktionen auf Indymedia kann man dort lachen.

Edit: Redsurfer liefert aufschlussreiches über den Blutdurst der Bild.

Tibet-kritische Presseschau

Telepolis beschäftigt sich mit dem gleichgeschalteten China-Bashing der westlichen Medien und nimmt die Manipulationen und Fälschungen der deutschen Presse im besonderen ins Visier. RTL und ntv haben sich zwar inzwischen bei China entschuldigt – der durchschnittliche TV-Glotzer oder Bild-Konsument erfährt darüber jedoch nichts. Wer wissen möchte, wie die antichinesischen Riots abgelaufen sind, braucht sich nicht ausschließlich auf gefälschte Bilder der deutschen Konzernpresse verlassen, in den USA werden z.B. auch Augenzeugenberichte veröffentlicht. Im Moment scheint es in Deutschland keine Parteien mehr zu geben, sondern nur noch Tibeter. Deutsche aller Coleur preisen gemeinsam den Gottkönig und verurteilen die schrecklichen Greueltaten der bösen Chinesen. Sogar die sonst so gern opponierende Linke bekennt sich bedingungslos zum Lama, wenn es Stimmen der Vernunft doch einmal gelingt, gehört zu werden, wird schleunigst auf die Betreffenden eingeschlagen. Die Interessen und Verstrickungen Deutschlands in die anti-chinesische Kampagne analysiert german-foreign-policy.com.
Die Jungle World begründet die aktuelle deutsche Tibetbegeisterung mit ihren Wurzeln in den 30er Jahren. Wer genauer wissen möchte, was für ein Terror-Regime das eigentlich war, das sich die „Dalai Lama“-Fans da zurück wünschen, findet beispielsweise hier und hier einen guten Einstieg. Ebenfalls im Zusammenhang interessant: die Folgen der chinesischen Befreiung Tibets am Beispiel der Gesundheitsversorgung.

LIDL spioniert

Wie eine Recherche des Stern ergab, bespitzelte der Discount-Riese und Aldi-Konkurrent LIDL systematisch seine Mitarbeiter. Detektive, die von den LIDL-Angestellten für normale Ladendetektive gehalten wurden, montierten in den Filialen Minikameras, mit denen sie die Mitarbeiter überwachten. In Geheimdienstmanier wurden endlose Seiten an Spitzel-Dossiers zusammengestellt und an die Konzernzentrale übergeben. Neben Klogängen, Liebesverhältnissen und vermeintlichem „Charakter“ interessierte die LIDL-Bosse u.a. der Lebenswandel und die politische Einstellung ihrer Untergebenen. Die Überwachungen verliefen dabei stets nach dem gleichen Muster: Von Montag bis Mittwoch wurde bespitzelt, Donnerstag und Freitag die Protokolle geschrieben.

Nachdem diese Ungeheuerlichkeiten ans Licht kamen, versuchte LIDL zunächst zu leugnen, gab dann aber die Gestapo-Methoden zu. Aktuell versucht sich der Konzern damit herauszureden, die Detektive hätten ungefragt und aus eigenem Antrieb heraus gehandelt – eine dümmere Ausrede ist LIDL-Chef Schwarz anscheinend nicht eingefallen.

Der Skandal weitet sich immer mehr aus, auch andere Supermärkte werden verdächtigt. So sollen neben Schlecker auch Edeka und Plus bespitzelt haben.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di rät den betroffenen Mitarbeitern zu einer Sammelklage, Datenschützer und der DGB fordern eine Gesetzesinitiative gegen die Mitarbeiter-Überwachung.

Verbraucherschützer warnen auch die Kunden von LIDL – die Kameras seien angeblich in der Lage, bei der Zahlung mit Kreditkarte die Geheimzahl auszuspionieren.

Inzwischen werden die ersten Boykott-Aufrufe gegenüber LIDL laut. Datenschützer Peter Schaar warnt aber davor, LIDL oder die Supermarktketten als Einzelfälle zu betrachten. Er sieht eine generelle Tendenz zu mehr Überwachung im Arbeitsleben.

Der Überwachungsskandal ist übrigens nicht die erste Negativschlagzeile für den LIDL-Konzern. Schon seit längerem versucht Ver.di darauf aufmerksam zu machen, dass der Discounter seine Mitarbeiter unter Druck setzt, Betriebsratsgründungen unterbindet und Gewerkschaftsmitglieder mobbt. Damit beschäftigt sich auch das „Schwarzbuch LIDL“ von Andreas Hamann und Gudrun Giese. (Bestellmöglichkeit)